• 10. Oktober. 2013 /  Mexico, Mittelamerika/Mexiko

    Von SMA zur Küste des Golfs, 15.8. – 9.10.2013

    Franziska ist glücklich gelandet und hat natürlich wieder viel mitgebracht. So auch diverse Ersatzteile für Hidalgo. Drei Mal hat Felix mit dem Mechaniker Juan alles durchgesprochen und das Datum mit Zeit abgemacht, damit wir die Achsschenkel und Radlager ausbauen und schmieren können, sobald die Dichtungen und Simmerringe eingetroffen sind. Ja und der liebe Juan erscheint nicht und wird auch nie mehr erscheinen.

    Es nervt extrem, wenn jede einzelne Verabredung mit einem Mexikaner in die Hose geht. Sei es mit dem Arzt, dem Zahnarzt, dem Campingchef oder eben jetzt dem Mechaniker. Sie kommen oder sie kommen eben nicht. Eine Stunde zu spät, Mañana oder überhaupt nicht, es ist doch Wurst. Infos werden nur weiter gegeben, wenn man danach fragt, sonst eben nicht, pfft, es spielt doch keine Rolle, gäähhn. Wir sind sauer und verschieben diese Arbeiten auf die USA.

    Wenn es aber ums Lärm machen geht, sind die Jungs hier Weltmeister und zu jeder Tages- und Nachtzeit mehr als pünktlich. Es gibt keinen Anlass, kein Fest und sei es der kleinste Schwachsinn, der nicht mit Feuerwerk und Hammer Knallpetarden begleitet wird. Dass wir uns recht verstehen, selbst so etwas Seltenes wie ein Sonntag, jeder Sonntag, muss hier ein- und ausgeknallt werden. Pünktlich, auf die Sekunde genau um 06.00 Uhr wird die ganze Stadt mit Dutzenden Böllerschüssen geweckt und um 23.00 Uhr wird der Tag der Ruhe und Andacht ausgeballert. Geweckt werden vermutlich ja eh nur die Touristen, da die Mex so ziemlich resistent gegen jeglichen Lärm sind. An Openairkonzerten sehen wir viele Mütter, die mit ihren Säuglingen im Tuch direkt vor den Musikboxen stehen, die lauter sind als jedes Stones Konzert. Das wird wohl frühe Abhärtung sein. Sie sind auch alle ziemlich erkenntnisresistent. Hörgeschädigte Latinos gibt es nicht, man muss halt alles nur ein bisschen lauter machen. Geburtstage, Hochzeiten, Beerdigungen, Scheidungen, egal was es zu feiern gibt, es wird geknallt und musiziert und da es hier sowas wie Rücksicht oder schlicht eine Nachtruhe nicht gibt, ist es wirklich an der Zeit, die Stadt zu verlassen.

    Bevor wir hier nun aber endlich unsere Zelte abbauen und das Weite suchen, wollen wir uns den Mega Event und Böllerschusstag von Mexico schlichthin noch ansehen, den El Grito, den Schrei. Nein, nicht unseren Schrei, sondern den von Pater Hidalgo. Am 16. September 1810 ruft eben dieser Pater im kleinen Dorf Dolores zum bewaffneten Aufstand gegen die spanischen Kolonialherren auf. „ Viva Mexicoooo!!!“  Seither feiert Mexico an diesem Tag seine Unabhängigkeit. Mit Paraden, Pauken und Trompeten und viel, viel, sehr viel Feuerwerk.

    In jedem Ort im ganzen Land die gleiche Tradition. Am 15. 9. ist jedermann auf den Beinen, um genau um 23.00 Uhr den Bürgermeister zu sehen, wie er aus seinem Fenster mit der Nationalflagge in der Hand diesen Schrei zelebriert. In Mex City macht das sogar der El Presidente. Danach ist die ganze Nacht und der folgende Tag die Hölle los. Und dies bei uns im strömenden Regen.

    Ungefähr zur selben Zeit fügen sich im Süden des Landes zwei Hurrikane, einer von der Karibik, der andere vom Pazifik zu einem Megasturm zusammen. Dieser Sturm wird nicht nur in der Gegend von Acapulco viele Tote und Verwüstung hinterlassen, sondern auch im ganzen Land für längere Zeit das Wetter beeinflussen.

    1. Halt auf unserer Südost-Runde sind die im Norden der Hauptstadt gelegenen Pyramiden von Teotihuacán. Die grösste und eindrucksvollste Pyramidenanlage Mexikos. Der Campingplatz hierzu ist so gut gelegen, dass wir uns entschliessen zuerst doch noch einen Tagesausflug in die Hauptstadt zu machen. Eine 25 Millionen Stadt kurz zu erleben, sollte man sich vermutlich nicht entgehen lassen. Im Nachhinein möchten wir sie auch nicht missen, obwohl wir dazu einen denkbar ungünstigen Tag gewählt haben. Wir wissen schon vom Rückflug von Franziska, dass zurzeit in der Innenstadt täglich mit Grossdemonstrationen von unzufriedenen Lehrern und Studenten zu rechnen ist. Wir wissen aber nicht, dass heute der Gedenktag des Erdbebens von 1985 ist, an dem über 40‘000 Menschen den Tod fanden. Für uns bedeutet das: Millionen Menschen in der Innenstadt und ein Polizeiaufgebot in unvorstellbarer Grösse. Es müssen Tausende sein, die den ganzen historischen Stadtkern abriegeln. Viele Touristenattraktionen sind geschlossen wie z. B. der Nationalpalast, die Sightseeing-Tour im offenen Touribus, der Zócalo, der grösste Stadtplatz Lateinamerikas, oder grosse Teile der riesigen Kathedrale.

    Da wir mit dem Bus, der U-Bahn und zu Fuss unterwegs sind und das zweithöchste Gebäude Mexicos als Rundsicht benutzen, bekommen wir eine leise Ahnung von der Grösse dieser Megacity. Speziell und einzigartig sind die Murales, die gigantischen Wandmalereien, z. B. die des Malers Diego Rivera mit Bildgrössen von über 1000 m2. Oder das Arbeitsamt auf mexikanisch, wo Handwerker an einer Strasse mit ihren Werkzeugen und Fotos ihrer Fähigkeiten auf Kunden warten, oder die ständig überfüllte U-Bahn, die auf Autopneus unterwegs ist und mit der man für nur -.25 Rappen stundenlang fahren kann.

    Haarsträubend finden wir jedoch die Geschichte über die Entdeckung von Mexico City, damals Tenochtitlán genannt.

    Der Eroberer von Mexiko, Hernán Cortés schrieb am 30. 10. 1520 an Kaiser Karl V., Tenochtitlán sei so gross, reich und schön, dass seine Beschreibung dem Kaiser bestimmt unglaubhaft erscheinen würde, obwohl er nicht einmal imstande sei, den tausendsten Teil zu erzählen. Nur ein halbes Jahr später, war davon nichts mehr übrig. Cortés und seine Truppen hatten Tenochtitlán im wahren Sinn des Wortes dem Erdboden gleichgemacht.

    Nur noch ein Relief zeigt die Prachtstadt der Azteken, die in einem See gelegen, von Gärten umgeben über ein riesiges Reich geherrscht hat. Auch den See haben die Spanier kurzerhand zugeschüttet und über die Tempel ihre Kirchen und Mexico Stadt gebaut. Toll.

    Am nächsten Tag, die Beine immer noch schwer von den vielen km in der Stadt, sind wir schon wieder früh zu Fuss unterwegs zu den Ruinen von Teotihuacán. (Der Ort, an dem die Menschen Götter wurden) Über die früheren Bewohner, die die mächtigsten Bauwerke Alt-Amerikas zwischen ca. 250 v. C. bis 700 n. C. geschaffen haben, ist so gut wie nichts bekannt. Schon die Azteken haben Teotihuacán zerstört und verlassen vorgefunden und wieder belebt. Obwohl die gigantischen Pyramiden allesamt Rekonstruktionen sind, sind wir begeistert von ihren Ausmassen und Höhen und würden wir von deren Spitzen nicht in unsere Zivilisation herunter schauen können, wäre das Aztekenerlebnis perfekt.

    Auf der Spitze des Sonnentempels (65m) tankt Franziska eine extra Portion Energía del Sol und auf dem Mondtempel sehen wir zurück über die mehr als 2 km lange Anlage. Einzig die vielen aggressiven Souvenirhändler stören die Szenerie und auf dem langen Heimweg durchs Gebüsch finden wir sogar noch versteckte Ruinen mit originalen Wandmalereien.

    Nach einer harten Freitagnacht, die Dorfdisco wummert durch bis morgens um halb 7, sind wir reif für die Insel, oder eben für uns einen 4000er. Im auf 3070 m gelegenen Centro Vacacional Malintzi, dem Ausgangspunkt für die Besteigung des La Malinche hoffen wir auf Ruhe. Es wird ja wohl keine Disco hier oben zu finden sein, oder? Denkste! Das Mexikanische Rote Kreuz hält hier in einfachen und schräg montierten Zelten ein Weiterbildungsseminar. Das Seminar dauert wenige Minuten, dann folgt der Spass. Sie spielen Blinde Kuh, Fang den Fuchs und Verstecken. Da es ab 17.00 Uhr bis weit nach Mitternacht in Strömen giesst, hat niemand wirklich Lust in die provisorischen Zelte zu kriechen und so spielen sie einfach durch. Wir natürlich mitten drin und wollen um 06.00 ausgeruht den Berg in Angriff nehmen.

    Das Wetter bessert und wir ziehen pünktlich, aber nicht ausgeruht los. Der Weg ist sehr steil und bedeutet im tiefen vulkanischen Aschesand, Geröll und am Schluss Fels oft ein Schritt vorwärts und zwei zurück. Auf einer Distanz von 4 km bezwingen wir 1500 schwierige Höhenmeter und kommen mit unseren letzten Kräften auf dem 4453 m hohen Gipfel an. Kaum sind wir nach 8 Stunden unterwegs zurück im Hiddy schüttet es wieder wie aus Eimern. Das Rote Kreuz geht nach Hause und wir stehen alleine im Regen und haben endlich unsere Ruhe.

    Auf dem 100 km Weg zum nächsten Berg, dem Cofre de Perote, sehen wir schon von Weitem, dass dieser komplett von schwarzen Gewitterwolken zugepappt ist und entschliessen uns, das Programm zu ändern und direkt an die Golfküste zu fahren. Unterwegs erfahren wir, dass es ab San Rafael kein Durchkommen gibt, da die Brücke durch die Wassermassen (Ausläufer des Sturms) zerstört wurde. Wir versuchen es trotzdem, haben Glück und finden einen Weg. Hiddy ist ja auch ein Boot. Die ganze Gegend bis runter zur Küste, vor allem die Stadt San Rafael wurde komplett überschwemmt. Der Sturm hat riesige Schäden hinterlassen.

    Bei Manuela, eine der wenigen noch gebliebenen Vanilleproduzentin der Region, sehen wir wie man sich hier für Hochwasser vorbereitet. Sie hatte Glück, das Wasser stieg nicht über die neuen Dämme. Auf der anderen Flussseite jedoch floss das Lehmwasser 2 m hoch durch die Häuser und Bananenplantagen.

    Das Meer bei Martins Camp-Hotel Coco Loco in Casitas treffen wir wild und schmutzig an, da die ganze üble Sauce jetzt da hinein abfliesst. Trotzdem bleiben wir in der schwülen Hitze beinahe eine Woche und geniessen viel selbstgefangenen Fisch und einen Stellplatz direkt am tropischen Strand.

    Danach bewundern wir nördlich von Papantla unsere definitiv letzten Ruinen. Die Ausgrabungsstätte El Tajin ist für uns aber wohl eine der schönsten und speziellsten, da die Pyramiden mit vielen kleinen Fenstern und Erkern gebaut wurden und wieder mitten im Dschungel stehen. Trotzdem es uns hier gefällt sind wir zügig durch, denn wir wollen heute noch zurück in die kühlen Berge, zu den Grutas de Tolantongo, einer Thermalquelle.

    Ab der Ortschaft Cardonal findet unser Navi keine Strasse mehr, die Grutas sind mit „Glorias de Tolantongo“ jedoch gut ausgeschildert. Wir folgen den Schildern zuerst über einen Berg, dann 1000 m ganz runter zum Fluss, dann mit Allrad wieder 1000 m rauf, um sogleich wieder auf engster und steilster Piste den 1000 m tiefer gelegenen und schon sichtbaren Thermen entgegen. Kurz vor dem Ziel, nur knappe 50 Höhenmeter vor dem Fluss, ist die Piste zu Ende, wir stehen in der Therme Gloria. Auch eine Therme, aber nicht die, zu der wir wollten. Um zu den Grutas zu kommen, müssten wir über den Fluss, doch die Piste ist genau hier zu Ende. Sakra, warum kann man das bloss nicht schon oben anschreiben??? Wir haben, obwohl wir schon den ganzen Tag im Auto sitzen, keine Lust hier zu bleiben und kehren um. Mit Vollgas brettern wir die grausige Strasse über die Berge zurück, nehmen die richtige Abzweigung und sind 1,5 Stunden später kurz vor Sonnenuntergang endlich bei den Grutas.

    Ja und die sind der Hammer. Uns dünkt aus dem ganzen Berg fliesst wie aus einem Sieb überall heisses Wasser hinaus. Es gibt Höhlen, Grotten, Wasserfälle und sicher gegen 40 verschiedene Becken mit heissem Wasser. Ja sogar der Fluss ist warm.

    Nach 2 Tagen, Schwimmhäute sind uns zwischen den Fingern gewachsen, nehmen wir die letzte Etappe unter die Räder und landen am Abend wieder in SMA.

    Hier organisieren wir die Haftpflichtversicherung für die USA und hoffen auf ein baldiges Ende des Finanz-shutdown dieser Deppengesellschaft.

    Mexico hat sich bei uns als ein Land der Superlativen entpuppt. Wüsten doppelt so gross wie Deutschland, Wälder von der Fläche Frankreichs, Vulkane, höher als alle Alpengipfel, eines der artenreichsten Länder der Welt und Heimat von 12 verschiedenen Hochkulturen, mehr als irgendwo sonst. Nach 6 Monaten haben wir nur einen Bruchteil davon gesehen, wir werden wohl noch einmal kommen.

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